Die Managerriege der Autohersteller werden die Nachrichten und Gerüchte über einen möglichen Einstieg Apples in das Autogeschäft nicht erst seit Aufkommen der Meldungen aufhorchen lassen. Seitdem Google jedesmal aufs Neue mit ihrem Forschungsprojekt (Ziel: Ein selbstfahrendes Fahrzeug womöglich auf die Straße zu bringen, entweder als Trägersystem über die Softwareintelligenz oder aber mitsamt Hardware) für Aufsehen sorgt, sputen sich die Hersteller etwas mehr. Sie zeigen und erzählen uns allerorten, wann denn ihre Fahrzeuge autonom über die Straßen rollen werden. Teilautonom bis X, vollautonom bis Y.

Müssen sich die Autohersteller wirklich Sorgen machen? Immerhin betonen Chefs wie Reithofer (BMW) und der mächtigste Autochef der Welt – Winterkorn (als verlängter Arm des Tycoons Piëch) -, der Automobilbau sei sehr komplex, die Foschungs- und Entwicklungsinvestitionen riesig, die Anzahl der Ingenieure und Spezialisten entsprechen mehreren Divisionsstärken (Heise 1, Heise 2). So schnell könne man ihnen also die Butter nicht vom Brot nehmen. Sie sind wachsam, gerüstet und gewappnet.

Die Achillesferse der Autohersteller

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Nehmen wir an, dass es stimmt: Sie haben einen Entwicklungsvorsprung beim Fahrzeugbau. Sie haben Geld. Sie haben Personal. Und die notwendige Weitsicht. Was haben sie nicht? Daten, riesige Datenmengen von Kunden. Auf diesem Schatz sitzen Apple und Google. Die einen über ihre gigantischen Hardwareverkaufszahlen und der angeschlossenen iOS-Systemwelt, die anderen über ihr mobiles und stationäres Suchsystem (nebst „kleineren“ Produkten wie GMail, GMaps, Android OS als mobiles Betriebssystem). Na und? Apple und Google wissen, wo Du bist, was Du laut Kalender- und Maileinträgen als nächstes tun wirst. Sie wissen, wonach Du suchst, welche Werbung Dich interessiert. Sie wissen, wie alt Du bist, was Deine Vorlieben sind, wer Deine Freunde und Familienmitglieder sind. Sie wissen, ob Du zur Arbeit oder in den Urlaub fährst. Sie wissen, wie wohlhabend Du bist und welche Ausbildung Du genossen hast. Sie wissen, wer Dein Arbeitgeber ist, was Dein Job ist und wann Du wieder einkaufen musst, nachdem Du die Kinder von der Schule abgeholt hast. Sie wissen zu jeder Zeit, zu jeder Gelegenheit, an jedem Ort auf dieser Welt genauer als alle Autohersteller zusammen, was Deine mobilen Wünsche angeht. Apples Kundenzahl hat die Milliardengrenze überschritten. Google peilt die 2-Milliarden-Marke an. Die Autohersteller? VW setzt jedes Jahr knapp 10 Mio PKW-Fahrzeuge ab, die Premiumhersteller wie BMW, Audi und Daimler jeweils unter 2 Millionen Einheiten pro Jar. Und sie haben nicht einmal ansatzweise den Dauerdatenkontakt zum Kunden wie Apple und Google. Kauf, fahr, komm irgendwann wieder lautet ihrer Devise, nerv uns zwischendurch nicht.

Auto, komm her, fahr mich dahin

Modernste Mobilität ist eine rein logistische Frage. Huch, wie das? Wo bleibt die Emotion? Das Branding eines Porsches? Insofern die Menschen das Fahrzeug selbst nicht mehr bedienen müssen, wird die Emotion sich verlagern. Es kommt auf geringe Wartezeiten, extrem sichere Fahr-Systeme, vorausschauende Planung und die natürlich besten Marken an (Image, Preis, Service, Dichte), die autonome Fahrzeuge jeglicher Art im urbanen Verkehr feilbieten werden. Und es kommt natürlich auf die Systemanbieter an, die bestens mit den Kunden vernetzt sind. Sie werden die Auftragsdealer sein! Wo gebe ich demnach die Suchanfrage ein, wenn ich ein Roboterfahrzeug brauche? In der Daimler-App? In der VW-App? Oder sage ich Siri „bring mir einen Viersitzer und plane die Fahrt so, dass ich vorher bei einem Freund etwas abholen kann„? Wenn ich ein Android-Handy habe, wird mich Google Now daran erinnern, dass ich nun bald losfahren muss, um den Flieger zu erwischen, der Zweisitzer sei schon zu mir unterwegs, keine Sorge. Der Kunde wird zum Schrecken der Autohersteller über den Apple und Google Store seine autonomen Fahrzeugsysteme ordern, konfigurieren und bezahlen können. So wie er heute Apps, Musik und Filme handhabt. Einmalig oder als Abo. Weder Daimler, weder BMW, Opel, Ford, Audi, VW, Skoda noch irgendein Hersteller kann mit dieser engen Kundendatenbindung aufwarten. Kein Einziger!! Sie werden von Glück sagen können, wenn sie autonome Fahrzeuge für den Einsatz in Städten im Auftrag anderer Hauptanbieter wie Apple, Google und Microsoft noch bauen dürfen. Oder es übernehmen gleich Zulieferer wie Conti, Bosch, Magna oder Tata den Fahrzeugbau. These: Die Marge wird in Zukunft im Vermitteln der Fahrdeals gemacht. Nicht mehr im Fahrzeugbau mit irgendwelchen PS-Zahlen und Monsterhauben. Hardware ist ein mieses, fieses Geschäft, wenn es zu einer Alltagssache wie die PC-Welt wird. Im Massensegment auf alle Fälle (VW, Toyota, Ford, GM). Aber Premiumanbieter, die haben doch einen Margenaufschlag? Welche Marke wird stärker sein: Apple, Daimler, BMW, Audi, Tesla? Ich wette auf Apple, die nebst Marke mit einem geschlossenen Mobilitätssystem aufwarten werden. Das, was sie gelernt haben: Kombiniere geile Hardware mit Software und setze das Apple-Logo drauf. Apple wird die Kohle mit Hardware und der Vermittlung einsacken, Google mit der Vermittlung von billig hergestellten scheissegal-fahr-mich-Fahrzeugen. Also? Entweder kaufen die Hersteller Google oder Apple auf, oder sie lassen mit sich geschehen, was aufgrund ihrer Achillesferse logisch erscheint: Sie werden nicht mehr Herr des Automobilsektors sein.

Drei Versuche

Wir können es nur vermuten: Das gesamte Spielfeld wird sich in den nächsten zwei Jahrzehnten drastisch verändern. Die Umsätze im Mobilitäsbereich sind heute schon gigantisch. Die Reaktionszeiten sehr kurz: Zwei Jahrzehnte entsprechen im Fahrzeugbau rund drei Basisplattformen (jede Basisplattform wird nach sieben Jahren durch die nachfolgende ersetzt). Sprich? Die Fahrzeugherstller haben gerade einmal drei Iterationsschritte Zeit, sich anzupassen und die richtige Mischung aus Produkt, Service und Marke zu finden. Während Apple und Google die Daten und die Systemzeit für sich arbeiten lassen können und beliebig oft iterieren können, um sich einem strukturierten Modell autonom fahrender PKWs anzunähern, ohne auch nur eine Schraube bauen zu müssen. Autonomes Fahren ist eine Frage der Software und Services letztlich.

Ach ja. Die Zeit der selbstfahrenden Autos nähert sich einem Ende? Nein, Quark! Bis regelbasierende Fahrzeuge autonom alle Ecken der Welt befahren, unabhängig der Sachlage vor Ort, wird es mehr als 2 Jahrzehnte benötigen.

Es wird so oder so eine sehr herausfordernde Zeit für die deutsche Automobilindustrie anbrechen. Momentan hängen im größten Wirtschaftszweig Deutschlands je nach Zählung zwischen 750.000 bis knapp unter 2 Millionen Jobs dran (siehe z.B. Spiegel, 2009, VDA Zahlen aktuell).

*Bild von Thomas S. / Lizentyp CC BY-SA 2.0

Blogger seit 2003. Technikaffin, neugierig, am technischen Wandel der Zeit interessiert, Anhänger und Skeptiker des Fortschrittsglaubens. Track Record meiner ex-Blogs: MEX-Blog 2003-2005 (Wirtschaftsblog), WoW-Blog 2005-2009 (Gamingblog), 321Blog 2007 (eBay), BasicThinking 2003-2009 (Tech&Startups). Aktive Blogs: RobertBasic.de seit 2009 und Buzzriders.com seit 2011.

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2 Comments

  • Anonymous

    Abgesehen davon natürlich, dass sowohl Apple als auch Google mehr wert sind als alle deutschen Autobauer zusammen. Beide zusammen (Wert über 1 Trillion €) dürften nah an den Gesamtwert der weltweiten Autobranche drankommen.

    Ergo, wenn hier jemand etwas kauft, dann Apple oder Google.

  • Aus zwei Gründen dürften die Autobauer keine Angst haben:

    1. Autofahren macht Spaß. Ich will lenken, Gas geben und Emotionen. Keine selbstfahrende Hochglanzbüchse mit Apps.

    2. Wenn die Autos so zuverlässig sind, wie die hergestellten Smartphones, dann braucht man nach 12 Monaten ein Neues und kann erst losfahren, wenn sich 120 Apps zur Steuerung das neueste Update gezogen haben.

    Ach ja, und Google weiß mitnichten, was ich alles mag. Suchanfragen ergeben nur Sinn, wenn man die Intention dahinter versteht. 99% der angezeigten „persönlichen“ Werbevorschläge interessieren mich nicht wirklich.

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