Antriebsstrang M274 mit 9G TRONIC

Darf ich vorstellen? So sieht ein Antriebsstrang „M274 mit 9G TRONIC“ von Daimler aus. Ein Benziner. Ein Verbrenner.

Und das hier soll sein Nachfolger werden: Zunächst nur das Akku von Daimler im Prototypenstadium (2016).

2016 TecDay Road to the Future INTELLIGENT DRIVE TRAIN SOLUTIONS

Da Daimler noch seine Version nicht fertig hat, mitsamt Motor etcpp.. zeigen wir doch einfach die existierende Tesla-Antriebseinheit mitsamt Akku (das „graue“ Ding am Boden, Reifen, Stoßdämpfern und E-Motoren vorne sowie hinten). Das ist alles? Ja, das ist die Zukunft, die wir wollen sollen. Behalten wir das bildlich im Auge, denn es wird noch indirekt wichtig werden.
Tesla Motor

 

Wenn sämtliche PKWs und LKWs von fossilen Kraftstoffen auf Elektroantrieb umgestellt werden, wie wirkt sich das auf die Stuereinnahmen des Staates, die Umsätze der Tankstellenbetreiber und der Stromanbieter aus?

 

Basiswissen

Die Daten habe ich staatlichen Seiten wie dem Bundesamt für Statistik, dem Bundesfinanzamt oder dem Umweltbundesamt entnommen.

Einnahmen des Staates
Die Energiesteuer war die frühere Mineralölsteuer und macht vom üblichen Kraftstoffpreis grob die Hälfte aus. Je nachdem ob Benzin oder Diesel getankt wird. Sie wird in Cent pro Liter erhoben, unabhängig vom aktuellen Tagespreis! Hinweis zur Umsatzsteuer, die auf Basis der Bruttoumsätze geschätzt werden muss: Firmenverbräuche sind Netto aka umsatzsteuerfei zu rechnen. Da der private Verkehrs-Nutzungsanteil laut Statistikamt rund 58% der Energieverbräuche ausmacht (googelt danach plus „petajoule“-Angabe), ist die effektive UMST-Einnahme als Gesamtumsatz (siehe unten) x Faktor 0,58 zu rechnen. Obgleich Nutzfahrzeuge (UMST-Anteil 0€) nur mit Diesel betankt werden, Dienstfahrzeuge hingegen mit Diesel und Benzin herumfahren, schätze ich die UMST-Einnahmen mit diesem sehr vereinfachten Faktor.

Einnahmen aus Energiesteuer (Jahr 2014): 39 Milliarden Euro (=faktisch laut Daten des Finanzministeriums).
Einnahmen aus Umsatzsteuer (2014): 8 Milliarden Euro (berechnet bzw. geschätzt).
Summe: 47 Milliarden Euro.

 

Benzin/Diesel Gesamtverbrauch und Einnahmen der Unternehmen
Hierzu zählen Raffinerien, Konzerne wie Aral, Tankstellenumsätze inklusive Shopping-Einnahmen aus dem Verkauf von Tabak, Kaffee und anderen Konsumgütern.

Im Jahr 2014 wurden insgesamt 68 Milliarden Liter verbraucht, davon 43 Milliarden Liter Diesel und 25 Milliarden Liter Benzin.

Der Gesamtumsatz86 Milliarden Euro.
Umsatz der Unternehmen daraus: 39 Milliarden Euro an Kraftstoffumsatz (86 Mrd. abzgl. Anteil des Staates 47 Mrd.).
+
Umsatz aus Shopping an Tankstellen: 11 Milliarden Euro.

Angenommen wurden: 1,40 € für Benzin und 1,20 € für Diesel. Kraftstoffe werden nicht nur an Tankstellen verkauft! Wie niedrig allerdings die Abnehmerpreise für Firmenflotten sind (z.B. Flughafen-Tankstelle für Betriebsfahrzeuge), weiß ich nicht. Der Shoppingumsatz wurde vorsichtig mit 800.000 Euro je Tankstelle/Jahr (14.000 an der Zahl) angesetzt.

Gesamtumsätze
Berechnet man alle Summen zusammen kommt man auf insgesamt
97 Milliarden Euro aus Kraftstoff- und Shoppingumsätzen.

 

Umstellung sämtlicher LKW- und PKW-Fahrzeuge auf Elektroantrieb

Bestand laut Kraftfahrt-Bundesamt:
62,6 Millionen Kraftfahrzeuge (Kfz) bildeten den Fahrzeugbestand zum 1. Januar 2017.
55,6 Millionen Kfz und knapp über 7,0 Millionen Kfz-Anhänger.
45,8 Millionen PKW.
5,5 Millionen Nutzfahrzeuge, darunter 2,9 Millionen Lkw, 202.000 Sattelzugmaschinen, 1,4 Millionen land- und forstwirtschaftliche Zugmaschinen,709.000 Kraftomnibusse.

 

Zunächst einmal fallen sämtliche Kraftstoffumsätze weg:
-86 Milliarden Euro
davon
– 47 Milliarden Euro aus Steuereinnahmen
– 39 Milliarden Euro aus Benzin/Dieselverkauf für die Unternehmen

 

Die Shoppingumsätze in Höhe von 11 Milliarden Euro der 14.000 Tankstellen bundesweit sind nicht mehr einzuschätzen. Denn es ist unklar, ob sich das Tankstellennetz verändern (aus Tanken wird Laden…) wird. Ebenso ist unklar, wie hoch die Aufenthaltsdauer der Fahrer beim Laden an öffentlichen Ladesäulen beispielsweise auf Fernstrecken entlang der Autobahhnnetze sein wird. Die Annahme heute ist, dass die Fahrer auch in Zukunft deutlich länger laden als tanken. Obgleich der Staat darauf wert legt, dass gerade an den Fernstrecken Ladestationen zur Verfügung stehen sollen, die als Schnelllader bezeichnet werden (150 bis 300 KW !!! / eine normale Haushaltsdose packt 3 KW = bei einem Akku von 30 KW Kapazität dauert das Laden über 10 Stunden). Es gilt aber bereits heute, dass der Kraftstoffumsatz einer Tankstelle je nach Betriebsart (Pacht oder Eigenbetrieb) zwischen 5-10% des Gesamtumsatzes ausmacht. So macht ein Pächter um die 5% seines Gesamtumsatz als Provision aus dem Verkauf von Benzin und Diesel (rechnet grob mit 1 Cent/Liter). Der größte Umsatzanteil, also 95% wird aus Warenverkauf wie Tabak, Nahrung und Autowäsche gemacht. Bei einem Tankstellenumsatz von 1 Mio im Jahr machen demnach Kraftstoffe 50.000 Euro Einnahme aus, 950.000 Euro sind der „Rest“ (im Schnitt macht btw. eine Tanke 3-4% Marge nach Abzug aller Kosten wie Einkauf, Pacht, Personal, Wartung, …). Die Frage ist demnach, ob bei einer Elektrifizierung des Verkehrs Tankstellen offiziell zu Shopping-Ketten mitsamt Autowäsche mutieren.

 

Wie hoch werden die Stromumsätze sein?

Berechnungsgrundlagen:

PKW-Anteil: 108 TWh an Energiebedarf pro Jahr (angenommen werden 15 kWh/100 KM bei 15.000 km Jahresfahrleistung je PKW).
Stromumsatz daraus: 32 Milliarden Euro (30 Cent/kWh).
Steuereinnahmen: 17,6 Milliarden Euro (55% des Strompreises stellen Staatssteuern dar).

LKW-Anteil: 78 TWh an Energiebedarf pro Jahr (vereinfacht wird der heutige 58% Energiebedarf des privaten Verkehrs angenommen, 42% demnach gewerbliche Nutzungslast).
Stromumsatz daraus:  23,4 Milliarden Euro (angenommen wird auch hier 30 Cent/kWh, obgleich der durchschnittliche Industriestrompreis für kleinere bis mittlere Unternehmen 15,4 Cent/kWh betug).
Steuereinnahmen: 13 Milliarden Euro (auch hier wird zur Vereinfachung 55% Staatsanteil am Strompreis angommen).

= Umsätze für die Unternehmen aka die neuen „Stromtanklieferanten“?
24,8 Milliarden Euro von 55,4 Milliarden an Gesamtumsatz.
14 Milliarden Euro weniger Wirtschaftsumsatz gegenüber dem fossilen Zeitalter.

= Einnahmen des Staates
30,6 Milliarden Euro
17 Milliarden Euro weniger zum fossilen Zeitalter.

In der Summe werden rund 32 Milliarden Euro pro Jahr weniger eingenommen (ohne die Betrachtung der Kostenseite vorzunehmen und Margen zu berechnen!), wenn man die Shoppingumsätze außen vor lässt. 

 

Weitere Faktoren: Arbeitsplätze, Umsatzverluste?

Werkstattumsatz: Elektroautos sollen laut Expertenmeinungen wartungsärmer sein. Heute machen die Werkstätten (laut DAT Report 2016 waren es 38.400 anno 2015, davon 20.000 Frreie) rund 20 Milliarden Euro Umsatz. Es ist nicht abzusehen, wie sich dieser Umsatz dann entwickeln wird und damit ist die Frage nach den Arbeitsplätzen nicht zu beantworten. Anzahl der Arbeitsplätze heute? Ungefähr 455.000 Mitarbeiter.

Arbeitsplätze in der Autoindustrie: Die Meinungen der Experten gehen weit auseinander. Niemand aber sagt, dass es mehr Mitarbeiter geben wird. Die Prognosen schwanken daher immens, Zahlen zwischen -10% und -30% werden genannt. Laut IG Metall seien angeblich 250.000 Beschäftigte betroffen, die Arbeiten am herkömmlichen Betriebsstrang vornehmen. Da der Teilebedarf eines elektrischen Gesamtbetriebsstrangs um 90% sinken soll, würden 90% der Arbeitsplätze wegfallen? Angesichts der komplexen Produktionsabläufe kann niemand seriöse Aussagen treffen. Ihr habt noch die obigen Bilder vor Augen? Es ist eine rein visuelle Vorstellung dessen, warum ein Elektroauto gegenüber einem Verbrennerauto so etwas wie „Kinder-Lego“ sein wird.

Neue Wettbewerber: Es ist zudem völlig unklar, ob China als heutiges Elektroautoland Nr. 1 Know-how und Mengenvorteile ansammelt. Um deutschen Herstellern den Rang abzulaufen, die im Bereich Verbrennermotoren einen uneinholbaren Vorteil haben sollen. Heute produzieren die in Deutschland angesiedelten Autofabriken seit Jahren ungefähr gleichbleibend 5,5 Millionen PKW-Einheiten, global sind es übrigens insgesamt 15,5 Millionen Einheiten (= Modelle nur von deutschen Autokonzerne: VW AG, Daimler und BMW), Tendenz weiter deutlich steigend (neue Automärkte wie China treiben die globale PKW Dichte nach oben).  Wer sich für die genauen Daten des deutschen Automarktes interessiert, dem empfehle ich den Artikel Neuwagen/Gebrauchtwagen Deutschland 2016 (inkl. genauen Mitarbeiterdaten/kosten etcpp).

Umwelt- und Gesundheitskosten: 41 Milliarden Euro die vermieden werden könnten, wenn die PKWs alle elektrisch fahren und keine Emissionen verursachen würden. Dies beruht auf der Anzahl der Personenkilometerleistung in Deutschland im Jahre 2015. Die betrug laut Umweltbundesamt 1.179 Milliarden pkm. Die Umweltkosten pro Personen-KM werden für Benzin auf 3 Cent/pkm und für Diesel auf 4 Cent/pkm geschätzt. LKWs sind teurer: 16 Cent je Tonnen-Kilometer. Würde man diesen Lastverkehr dazurechnen, kommt das Umweltbundesamt summa summarum auf rund 50 Milliarden Euro, die sich vermeiden ließen.

 

Interesse des Staates an der Umstellung?

Würde man nur die Steuereinnahmen betrachten, so sollte der Staat kein Interesse an einem allzu hohen Elektrifizierungstempo haben. Noch weitaus schwerer wiegen mögliche Arbeitsplatzverluste wie oben aufgezeigt, was jeder politischen Kraft den Atem rauben kann. Auf der anderen Seite haben wir eine effizientere Nutzung des Verkehrs im Sinne des Ressourcenverbrauchs an Energie (Verbrennermotoren packen je nach Motortyp und Treibstoffart lediglich 25-50% an Wirkungsgrad, während Elektrofahrzeuge auf rund 80% Wirkungsgrad kommen: ausführlicher bitte im Artikel Elektromobilität und Umwelt-/Gesundheitsfolgen nachlesen) und geringere Folgekosten des Verkehrs auf die Umwelt und vor allen Dingen auf unsere Gesundheit.

 

Interesse der Unternehmen an einer Elektrifzierung

Die Stromanbieter jubeln noch nicht, denn zu gering sind die Margen, viel zu gering die Elektroautozahlen (34.000 Einheiten in Deutschland zur Zeit, das ist nicht einmal 0,00..% vom Energiebedarf). Selbst bei 1 Mio E-Autos steigt der Energiebedarf nicht sonderlich an (rund 2 TWh Bedarf gegen aktuell 648 TWh Jahresproduktion in Deutschland). Die Kosten für Ladesäulenbetreiber werden je nach Kapazität zwischen 10.000 und 20.000 Euro pro Ladesäule, teils deutlich höher (wenn bspw. eigens eine Trafostation eingerichtet werden muss, es kommen aber auch laufende Kosten hinzu) eingeschätzt. Dagegen stehen ungewisse Einnahmeströme zu den Investitionskosten sowie eine unbekannte Zahl von Lademöglichkeiten zu Hause bzw. bei der Arbeit (privat vs. öffentlich).  Auch schwanken die Bedarfsprojektionen, wie viele Ladesäulen es von welchem Typus öffentlich je nach Standort benötigt. und so genau weiß absolut niemand, wie viele Fahrzeuge pro Tag eine Ladesäule anfahren werden.

Die heutigen Treibstoffanbieter haben das geringste Interesse, droht ihnen mindestens ein Komplettverlust von 39 Millliarden Euro, hinzu kommt die vakante Umsatzssäule aus Shopping von 11 Milliarden Euro.

Wettbewerber aus dem Ausland, die in China in den Startlöchern stehen, auch Tesla haben das allergrößte Interesse, die klassische Phalanx der Automobilhersteller und ihr 2 Billionen (nicht Milliarden) US-Dollar Umsatzgeschäft anzugreifen. Denn das ist der dicke Pott, um den gekämpft und gefightet wird. Umwelt ist da „nur“ ein Argument angesichts dieser Summen.

Deutsche Autobauer sind ihren Aktionären und Mitarbeitern gegenüber verpflichtet. Sie überwiesen allen ihren Mitarbeitern 67 Milliarden Euro im Jahr 2015 auf die Gehaltskonten. Wovon alleine in Deutschland 550.000 Mitarbeiter in den Gehaltsgenuss kamen. Es dürfte klar sein, warum Vorstände nicht Startup spielen dürfen noch können. Zur richtigen Zeit aufs Gaspedal zu drücken, ist angesichts all der o.g. Basisdaten kein Zuckerschlecken. Eigentlich ist es zum Schreien. Ein Fehler und du bist der Superarsch der Nation für alle Zeiten. Wer viel hat, hat eben viel zu verlieren.

Blogger seit 2003. Technikaffin, neugierig, am technischen Wandel der Zeit interessiert, Anhänger und Skeptiker des Fortschrittsglaubens. Track Record meiner ex-Blogs: MEX-Blog 2003-2005 (Wirtschaftsblog), WoW-Blog 2005-2009 (Gamingblog), 321Blog 2007 (eBay), BasicThinking 2003-2009 (Tech&Startups). Aktive Blogs: RobertBasic.de seit 2009 und Buzzriders.com seit 2011.

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